Kriterien für Content Usability
Einführung
Kriterien für Content Usability sind wichtig für diejenigen, die Texte für die Website liefern, weniger für diejenigen, die diese Texte in eine Präsentationsform bringen.
Erfahrene Kundnen verbringen durchschnittlich 25 Sekunden auf einer Homepage und 45 Sekunden auf einer untergeordneten Seite. Unerfahrene Kunden verbringen ungefähr doppelt soviel Zeit auf diesen Seiten (vgl. Nielsen/Lorangers 2006, S. 33). Inhalte sind das erste und oft das einzige, worauf Besucher Ihrer Website achten (78%). Werbung und alles andere, was bunt ist und sich bewegt, wird zunehmend ignoriert (22%). Die Geduld eines Lesers mit langatmigen Ausführungen ist sehr viel geringer, wenn er liest, um etwas zu erledigen, als wenn er liest, um etwas zu lernen. Auf Websites von Firmen und Institutionen wollen Besucher in der Regel
- eine bestimmte Information finden
- etwas erledigen/ein Problem lösen
- etwas kaufen
Sie fragen sich:
- "Wo bin ich?"
- "Was kann ich hier tun?"
- "Was bringt mir das?"
- "Bleibe ich hier oder kriege ich das wo anderes schneller und leichter?"
Das wollen sie in 10 Sekunden verstanden haben.
Der Leseprozesses nimmt die gesamte Aufmerksamkeit des Lesers in Anspruch. Muss ein Leser den untergeordneten Aufgaben weniger Aufmerksamkeit widmen (wie Entschlüsseln von Buchstaben, Wörtern und syntaktischen Strukturen), wird er mehr Aufmerksamkeit für die eigentlichen Inhalte übrig haben.
Text auf Webseiten wird in der Regel (79%) auf relevante Information hin überflogen und nicht wirklich gelesen. Das Lesen am Bildschirm ist 25% langsamer als auf Papier. Wollen Besucher einen Text wirklich lesen, und er ist mehr als 1 Bildschirm lang, drucken sie ihn in der Regel aus. Stellen Sie deshalb immer eine Print-Version zur Verfügung.
Kriterien
Die von mir aufgeführten Kriterien wurden zum größten Teil aus folgender Quelle direkt übernommen und frei übersetzt: Jan H. Spyridakis: Quicklist for Authoring Comprehensible Web Pages: "Guidelines for Authoring Comprehensible Web Pages and Evaluating Their Success" In: Technical Communication (2000), Vol. 47, No. 3 (Sonderheft)
1 Inhalte auswählen und präsentieren
1.1 Wird der Inhalt so präsentiert, dass Leser sich orientieren können? D.h. wird ihnen notwendiges Vorwissen so präsentiert, dass sie neue Information auf neuen Seiten verstehen können? Dazu tragen bei:
- Ein informativer Titel am Anfang jeder Seite. Ein informativer Titel ist kurz, präzise und ohne Kontext verständlich. Denken Sie daran, dass der Titel Ihrer Website in Trefferlisten von Search Engines und Bookmarklisten aufgeführt wird.
- Die Überschriften spiegeln den nachfolgenden Inhalt wider.
- Eine Einführung von nicht mehr als 20 Wörtern oder ein einleitender Text, der das Thema ankündigt und die Zielgruppe deutlich macht. Der Besucher weiß schnell, was ihm die Site bzw. die aufgerufene Seite darin 'bringt'.
- Konzentration auf das Anliegen der Besucher und ihre Aktionen
- Zielgerichtete Gliederung
- Erläuterung spezifischer Terminologie und Ausschreiben von Abkürzungen
- Zusammenfassung von Zwischen- und Endergebnissen
1.2 Ist der Inhalt interessant und relevant für die Zielgruppe?
- Noch immer gibt es Autoren, die gedruckte Textversionen auf Websites recyceln, nur weil der Text bereits für hausinterne Zwecke vorhanden war. Ein Text muss für externe Besucher und für die Leküre am Bildschirm neu konzipiert werden.
- Hilfen werden nicht genutzt - aber doch eher wenn sie nicht "Hilfe" heißen, sondern: "Tipps", "FAQ", "Wie kann ich ..."
- Hilfen orientieren sich an dem konkreten vorliegenden Beispiel.
- Neben aufrufbarer Hilfe gibt es eine Hotline.
- Der Content ist so verfasst, dass Hilfen überflüssig sind.
1.3 Ist die Informationsmenge pro Seite auf das Notwendige minimiert? Dazu tragen bei:
- Kurze Seiten
- Wenige Beispiele für eine Idee anstelle von erschöpfender Abdeckung des Themas
- Verwendung von Diagrammen oder Grafiken, wenn ein Text umständlicher wäre
- Zusammenfassungen oder Abstracts mit Links zu längeren Artikeln oder Diskussionen; d.h. Details sind hinter einem weiteren Link ausgelagert.
1.4. Werden Aktionen unterstützt? Dazu tragen bei:
- Der Titel der Seite benennt die übergeordnete Aktion.
- Überschriften benennen die untergeordneten Aktionen.
- Die Anordnung der Themen steht für die Reihenfolge der Aktionen.
- Jedes Thema hat ein klar definiertes Ziel.
- Jede Aktion hat eine Einführung.
- Bei interaktiven Aktionen sind die Antwortformulare kürzer als eine Seite.
- Aktionen können rückgängig gemacht werden.
- Die Formulare sind selbsterklärend, eindeutig und ermöglichen eine nachträgliche Fehlerkorrektur.
2 Anordnung von Inhalten auf der Seite
2.1 Hilft die Anordnung der Inhalte den Besuchern, hierarchische Strukturen für die Speicherung neuer Information im Langzeitgedächtnis aufzubauen? Dazu tragen bei:
- Fünf oder weniger Elemente pro Gruppe auf einer Hierarchieebene. Allerdings haben sich flache Hierarchien mit entsprechend mehr Elementen auf einer Ebene als leichter navigierbar erwiesen als tiefe Hierarchien mit entsprechend weniger Elementen auf einer Ebene.
- Sind zusammengehörige Konzepte auf einer Seite gruppiert?
- Hauptthemen beginnen auf einer separaten Seite.
2.2 Gibt es eine Ordnung innerhalb der gruppierten Inhalte und über diese Gruppen hinweg? Dazu tragen bei:
- Es gibt einen extra Hinweis auf neue Informationen.
- Information, die der Besucher vermutlich kennt, geht neuer Information voran (in Sätzen, Absätzen und Seiten).
- Journalistische Präsentation von Informationseinheiten ('Chunks'). Präsentation vom Wesentlichen zum Speziellen: Erst kommen die Ergebnisse mit einem einleitendem Satz, dann folgen Hintergrundinformationen und Details auf untergeordneter Seite.
Im Prinzip der 'invertierten Pyramide' ist dieses Prinzip gut veranschaulicht.
- Wichtige Information stehen am Anfang von Absätzen und Seiten
-
- Auf der ersten Seite ('over the fold') ist erkenntlich, ob es sich für den Besucher lohnt, die Seite zu scrollen.
2.3 Machen strukturierende Mittel den Text optisch zugänglich und einfach zu überfliegen? Unterstützen sie die Suche nach relevanter Information, die Verständlichkeit und das Gedächtnis? Werden die Leser durch unnötige Hinweise abgelenkt? Dazu tragen bei:
- Jede Seite hat mindestens eine Überschrift.
- Überschriften und untergeordnete Überschriften sind klar (und nicht 'clever') und kurz (maximal 60 Zeichen) .
- Einleitungen
- Übersichten und Sätze, die das Thema ankündigen
- Listen und Tabellen
- Inhaltsverzeichnisse und Site Maps
- kurze Absätze
- Wesentliche Wörter sind hervorgehoben - nicht ganze Sätze.
3 Stil
3.1 Werden Wörter verwendet, die der Besucher leicht und richtig verstehen wird? Dazu tragen bei:
- Konkrete Wörter, keine Abstrakta
- kurze Wörter (wenige Silben)
- leicht aussprechbare Wörter
- Link-Labels, die einen klaren Kontext für die verlinkte Seite angeben
- Wörter, mit denen der Besucher vertraut ist (die Sprache des Besuchers sprechen, Fachjargon vermeiden)
- Es gibt - falls Fachterminologie nicht vermeidbar ist - eine Abkürzungsliste und ein Glossar.
- Terminologie wird auf der gesamten Website einheitlich verwendet.
- Benennung der möglichen Besucheraktionen
3.2 Ist die Syntax leicht verständlich? Dazu tragen bei:
- Aktiv-Sätze (keine Passiv-Konstruktionen)
- Wenige Relativsätze
- Wenige (eingebettete) Nebensätze
- Wenige eingebettete Links
- Wichtige Information in Hauptsätzen
3.3 Sind die Ideen knapp dargestellt? Dazu tragen bei:
- Weglassen unnötiger Details
- keine Wiederholungen
- knappe Formulierungen
- Kurze Sätze
- Links zu relevanten Beispielen anstelle umständlicher Erklärungen
3.4 Ist der Ton der Botschaft und der Zielgruppe angepasst? Dazu tragen bei:
- Der Text ist für die Zielgruppe geschrieben - nicht für den Verfasser oder seine Institution/Firma.
- Klare, korrekte Information (Die Kunden werden selbst entscheiden, was gut für sie ist.)
- Persönliche Anrede, wenn angebracht
- Schlichte Sprache anstelle von aufgeblasener pseudo-intellektueller Sprache
4 Glaubwürdigkeit herstellen
Besucher werden mit größerer Wahrscheinlichkeit weiterlesen und auf die Website zurückkehren, wenn sie denken, dass die Information glaubwürdig ist. Dazu tragen bei:
- Name des Autors, Referenzen und e-mail-Adresse
- vollständiges Datum des letzten Updates
- Angabe von Quellen, wenn angebracht
- Links zu relevanten externen Websites
- Das Fehlen von Grammatik- sowie Tipp- und Rechtschreibfehlern trägt am meisten dazu bei, dass Besucher eine Website für glaubwürdig halten.
- Objektiver, unaufdringlicher Ton statt Werbebotschaft
- Sachliche Darstellung ohne Wertung
- Keine exaltierte Modesprache, keine Superlative, vagen Behauptungen, Übertreibungen, Selbstbeweihräucherungen
- Keine Behauptungen ohne Beweis
- Der Besucher weiß, was mit der von ihm preisgegebenen Information über sich selbst geschieht.
- Ein konkreter Ansprechpartner (nicht nur webmaster@...) wird angegeben.
Langer Rede kurzer Sinn:
Web-Inhalte sollen
- kurz
- leicht überfliegbar (scannable) und
- objektiv
sein.
Diese 3 Qualitäten reduzieren die kognitive Belastung Ihres Besuchers.
Beispiele
- www.spiegel.de

Spiegel-Online: Journalistische Präsentation von Informationseinheiten
- www.ids.ac.uk/eldis/
- Eldis Gateway to Development Information
Eine Suche generiert eine Liste mit Titeln und einer Zeile Information in journalistischem Stil, Click auf den Titel zeigt ein Abstract mit Thema und Hauptergebnissen, mit Anwahlmöglichkeit der Vollversion.
Weitere Quelle
Writing for the Web
- von Jakob Nielsen, P.J. Schemenaur, Jonathan Fox
How Users Read on the Web
- Jakob Nielsen

[Update: 01. Februar 2009 -
Prof. Ursula Schulz, HAW Hamburg, Department Information]